 | Schrei nach Stille Rezension von Maggy Aus der Reihe "Paul Bremer" Klein-Roda im Vogelsberg hat eine neue Einwohnerin: die Schriftstellerin Sophie Winter ist in jenes Haus zurückgekehrt, in dem sie den Sommer 1968 verbracht hatte. Damals lebte sie mit zwei weiteren Personen in dem Haus. Sie waren die „Hippies“, die sich stark von dem spießigen Mief im Dorf abhoben. Heute ist die Zurückgekehrte wieder eine Außenseiterin, die Dorfgemeinschaft missachtet sie. Ihr neuester Roman „Summer of Love“ wird gerade in Frankfurt verfilmt und handelt von den Geschehnissen in jenem Sommer, der ein tragischen Ende in dem kleinen Vogelsbergdorf nahm, denn eine der drei Bewohner seitdem verschwunden ist. Dieser Roman scheint eine Art Rache an den Dorfbewohner zu sein. Der eigentliche Kern dieses Romans ist jedoch der langsame Gedächtnisverlust der Hauptfigur und ihren Kampf dagegen. Sehr einfühlsam aber gleichzeitig drastisch schildert Chaplet die Auswirkungen der Erkrankung auf das alltägliche Leben. Dieses Thema durchzieht den Roman und hält die Handlung zusammen. Eindrucksvoll beginnt Chaplet den Roman mit stimmungsvollen Beschreibungen des Hauses und des Landlebens. Die Häuser scheinen zu leben und Geschichten erzählen zu können. Nach einem Sturm geht Sophie Winter in den Garten und wird von einem umfallenden Baum getroffen. Obwohl Nachbarn das Gefühl haben, dass ihr etwas zugestoßen sein könnte, eilt niemand zu Hilfe. Die Barriere, der Außenseiterin zu helfen, scheint doch zu groß. Oder liegt es an dem Roman der Schriftstellerin, der die Dorfbewohner in kein gutes Licht rückt? Nun kommt die Romanfigur Paul Bremer, der Serienheld von Anne Chaplet, ins Spiel, denn der Bürgermeister bittet den couragierten Paul Bremer nach dem Rechten zu schauen und dieser hilft der Schriftstellerin und forscht nach dem Geheimnis, das sie umgibt. Im Gegensatz zu den vorangegangenen Romanen kommt neben Paul Bremer und der Staatsanwältin Karen Stark eine dritte ermittelnde Person hinzu, die in einer Parallelhandlung eingeführt wird. Hierbei handelt es sich um den Polizisten DeLange, der den interessanten Job hat, als offizieller Berater der Polizei bei Filmproduktion der Crew zur Seite zu stehen. Beide Seiten sollen davon gewinnen. Die Filmmacher können so ein realistisches Bild der Polizeiarbeit zeigen und die Polizei kann diese Zusammenarbeit nutzen, um das Image der Polizei aufzupolieren. DeLange sieht das ein wenig anders, hat ein nahezu zynischen Verhältnis zu seiner neuen Aufgabe: „Aus Sicht der Polizei ist der ganze Krimiquatsch sowieso Mumpitz…. Bei uns kann man Frauen im Rang einer Kriminalhauptkommissarin suchen. Bei uns gibt es keine einsamen Lichtgestalten auf der Suche nach der Wahrheit. Keine genialen Eingebungen, keine kreative Ermittlungsarbeit, sondern Routine, Bürokratie und unfähigen Nachwuchs, desinteressierte Staatsanwälte, gestresste Notärzte und heuchlerische Journalisten und, ganz am Ende, ein paar übernächtigte Pflichtmenschen, die sich mit dem geduldigem Bohren dicker Bretter beschäftigen.“ (S. 67). Schelmisch nimmt er die Ansprüche des Regisseurs entgegen: „Authentisch. Na klar. Ausgerechnet die Produzenten von Träumen pochten auf die Wirklichkeit.“ (S. 67). Damit spielt Chaplet witzig mit den Ansprüchen mancher Krimis, die einen überbetonten Realitätsanspruch aufweisen. Wohingegen sie das Krimischreiben als Art Versuchslabor sieht, in dem sie ihre Protagonisten in eine Stresssituation treibt und schaut was passiert. In dem Agieren ihre Figuren möchte sie realistisch sein, hierauf legt sie ihren Schwerpunkt und nicht in der kriminalistischen Rahmenhandlung. Ihr Anspruch sind stimmige Charaktere und Geschichten und das zeichnet ihre Romane aus. Auch in diesem Fall lässt sie sich Zeit, gewährt ihrer neuen Ermittlerfigur viel Raum zur Entfaltung und verknüpft geschickt die Handlungsstränge. Trotz seiner Skepsis zu der Tätigkeit macht es DeLange auch Spaß und im Moment ist er am Set zu der Verfilmung von „Summer of Love“ wodurch er auch die Autorin kennenlernt. Die beiden Handlungsstränge im Hier und Jetzt sind verknüpft mit Rückblenden in jenen Sommer vor 40 Jahren. Die Spannung wird durch die Frage erzeugt, welches Geheimnis in dem Roman „Summer of Love“ steht und warum die Schriftstellerin in das Dorf zurückgekehrt ist. Spannend erzählt Chaplet die Geschichte einer Frau, die ihr Gedächtnis verliert und trotzdem versucht, ihren Alltag zu meistern und ihre Vergangenheit zu bewältigen. Während Paul Bremer und Karin Stark diesmal etwas in den Hintergrund geraten, hat sie mit DeLange eine neue interessante Figur geschaffen. Die Idee über einen Roman einen Roman zu schreiben, der dabei auch gleichzeitig verfilmt wird, bietet zudem ein paar witzigen Einfällen Raum. Wenn sie etwa über die Erlebnisse ihrer Romanautorin/-figur bei Lesungen oder sich über den Realitätswahn der Filmemacher schreibt, hebt sie sich ein wenig mit leicht ironischer Distanz von der Handlung ab. „Schrei nach Stille“ ist ein einfühlsamer Roman mit glaubwürdigen Charakteren, einer spannenden Geschichte und Einblicken in die Risse der Gesellschaft am Ende der 60er Jahre.
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